{"id":221,"date":"2017-12-07T10:54:57","date_gmt":"2017-12-07T10:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christineseebacher.ch\/?p=221"},"modified":"2017-12-07T10:54:57","modified_gmt":"2017-12-07T10:54:57","slug":"eine-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.christineseebacher.ch\/?p=221","title":{"rendered":"Eine Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Angefangen hatten wir unser Weihnachtstreffen vor sechs Jahren. Ich glaube, es hatte mit dem pl\u00f6tzlichen Tod von Jans Frau zu tun, die kurz vor Weihnachten das Zeitliche segnete.<\/p>\n<p>Wunderbare drei Jahre waren wir zu f\u00fcnft, bis Hans uns verliess, und dieses Jahr, achtundzwanzig Tage vor Weihnachten, folgte ihm Toni. Er hatte sich an einem Ast, der unter seiner Last fast abgebrochen w\u00e4re, am St\u00fcssihof an einem Baum erh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nun sassen wir da, um den runden Tisch drapiert, wie alte Aasgeier im verbrannten Braten stochernd, stumm und jeder in sich gekehrt seinen Gedanken nachschweifend, die zwei leeren St\u00fchle zwischen uns. Toni hatte sich jedes Jahr \u00fcber den Baum mokiert, was mich, den ich ihn immer mit viel Liebe am Abend zuvor geschm\u00fcckt hatte, alle Jahre wieder masslos \u00e4rgerte.<\/p>\n<p>Ich bin seit Jahren Atheist, habe also mit Religion gar nichts am Hut, und doch bedeutet mir Weihnachten, ein geschm\u00fcckter Baum, schimmernde Kerzen, en f\u00fcrstliches Essen auf dem Tisch, Weihnachtsgeb\u00e4ck, Freunde und alles Drum und Dran einfach alles. Ich will mich nicht rechtfertigen, geschweige denn, mich in eine Position hineinman\u00f6vrieren, die mir gar nicht zusteht. Und doch &#8230; Weihnachten und Kindheit, f\u00fcr mich nicht trennbar, nicht wegzudenken.<\/p>\n<p>Dieses Jahr, in Gedenken an Toni, hatte ich es sein lassen. Nur drei Kerzen, auf ein altes Tannenzweiglein gesteckt, schm\u00fcckten den Platz.<\/p>\n<p>Inzwischen war der Zeiger der Uhr zwei Stunden weiter ger\u00fcckt, das Essen vom Tisch, nur noch die Weingl\u00e4ser standen vor uns, der \u00fcberf\u00fcllte Aschenbecher und die vierte Flasche Wein, die ich gerade ge\u00f6ffnet hatte.<\/p>\n<p>Da klopfte es an der T\u00fcr. Ungl\u00e4ubig schauten meine Freunde und ich uns an. Da wiederholte sich das Klopfen, jetzt aber erheblich lauter und dr\u00e4ngend. Fritz ruckte an seinem Stuhl, und ich wollte mich gerade erheben, als die Falle nach unten gedr\u00fcckt wurde. Dann, im Schein der Laterne, erkannten wir erst nur die Konturen dieses Menschen, bis er ungefragt in die Stube trat, und uns der Atem wegblieb. In Sekundenschnelle wirbelte er um seine eigene Achse, zog blitzschnell einen Baum in den Raum und schloss die T\u00fcre.<\/p>\n<p>Wie festgenagelt sassen wir da. Keiner von uns brachte nur eine Silbe eines Wortes \u00fcber die Lippen. Wir waren erstarrt, im wahrsten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p>Lange, mir schien es eine Ewigkeit, blieb es muxm\u00e4uschenstill, bis er, ohne ein Wort zu sagen, die drei Kerzen samt Tannenzweiglein auf der Anrichte platzierte und an ihren Platz den Baum stellte. Es ging alles so flink vonstatten, dass wir mit den Augen kaum nachfolgen konnten. Der Baum, eine Weisstanne, nahm fast die H\u00e4lfte des Raumes ein. Noch nie hatte ich so ein Prachtexemplar zu Gesicht bekommen. Der Stamm wies schnurgerade gen Himmel, die \u00c4ste waren wie durch Meisterhand geformt und ein jeder explizit an seinem Platze. Nun \u00f6ffnete er ein Fenster. Spinnen, in jeder Gr\u00f6sse und Sorte, kraxelten Richtung Baum, um dort in Windeseile ihre filigranen Netze zu weben. Alle Arten von V\u00f6geln schwebten in sanftem Fluge in die Stube und setzten sich artig auf die dunkelgr\u00fcnen Zweige nieder, ein Zaunk\u00f6nig auf die Spitze des Baumes. Zu guter Letzt folgten die Gl\u00fchw\u00fcrmchen.<\/p>\n<p>Als nun der Baum in seiner vollen Pracht erleuchtete, wandte sich Toni mir zu.<\/p>\n<p>&#8222;Deine prachtvollen Weihnachtsb\u00e4ume haben mir all die Jahre so viel Freude bereitet! Leider war ich damals nicht f\u00e4hig, es auch zu zeigen. Ihr wart die besten Freunde, die man sich w\u00fcnschen kann. H\u00e4tte ich nur einmal den Mut aufgebracht, euch das wissen zu lassen, w\u00e4re der Ast am St\u00fcssihof wohl abgebrochen.&#8220;<\/p>\n<p>Und mit diesen Worten l\u00f6sten sich seine Konturen auf. Der Baum aber erst viele Stunden sp\u00e4ter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angefangen hatten wir unser Weihnachtstreffen vor sechs Jahren. 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